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Städtischer Gartenbau – “Urban Gardening” in Bremen

Gastbeitrag von Isabel Matthias, Studentin der Integrierten Europastudien

Wer hat sie noch nicht bemerkt, die Hochbeete und Pflanzgefäße aller Art, die an immer mehr öffentlichen Plätzen und Gärten auftauchen. Ein urban_gardening_pixabaybesonderes Beispiel ist sicherlich der von Anwohnenden organisierte Garten auf dem Lucie-Flechtmann-Platz in der Bremer Neustadt, der inzwischen entsiegelt und offiziell in einen urbanen Garten umstrukturiert wurde. Aber auch auf dem Hanseatenhof finden sich Hochbeete mit verschiedensten Pflanzen – von Erdbeeren über Erbsen bis Tomaten. Bei gutem Wetter verbringt ecolo auch mal die Mittagspause dort. Aufmerksame Spazierende können Zucchini und Mangold im Blumenbeet an der Mühle am Wall entdecken. Der Trend des Urban Gardening ist im öffentlichen Leben angekommen. Auch ich wurde von der Idee angesteckt. Nach meinem Umzug aus einer großen WG mit Gemüsegarten und Gewächshaus in eine Wohnung mit Balkon fehlte doch erstmal irgendwas. Aber das urbane Gärtnern kennt keine Grenzen – so steht mein Balkon jetzt voll mit Tomatenpflanzen, in den Kästen wachsen Kräuter, Kohlrabi und Blumen für Bienen und eine Zucchini rankt in einem Topf. Ein grüner und durch Blumen sogar bunter Balkon ist schön anzusehen und duftet. Im zweiten Stock ist es auf einmal lebendig, denn Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und andere Insekten halten Einzug. Und schließlich ernte ich natürlich eine Menge leckerer Früchte, Kräuter und Gemüse. Im Mai waren zum Beispiel selbst gezogene Radieschen Standardbestandteil meines Mittagessens bei ecolo.

Urban Gardening – was ist das?

urban_gardening2_pixabayWas genau ist denn das städtische Gärtnern eigentlich? Der urbane Gartenbau fußt auf drei Grundideen: Es soll gemeinsam gegärtnert, also etwas geschaffen werden. Hierdurch kommen Menschen in Städten in Kontakt, Netzwerke können entstehen und es wird gemeinsam etwas erarbeitet. Weiter soll der bewusste Konsum gestärkt und das Stadtbild verschönert werden. Produktionsketten sind im globalen Kontext häufig sehr lang und benachteiligen oft diejenigen, die die Lebensmittel tatsächlich anbauen. Durch eigenen Anbau wird das Bewusstsein gestärkt und ein Umdenken hin zu regionalen und saisonalen Lebensmitteln gefördert. Ich selbst würde nicht auf die Idee kommen meine eigenen Gemüsepflanzen mit Pestiziden zu behandeln – ich will die Tomaten ja einfach pflücken und bedenkenlos essen können. Auch Umstrukturierung im öffentlichen Bereich, besonders im Kontext der Flächenversiegelung spielt eine Rolle. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Der Lucie-Flechtmann-Platz war ein grauer und komplett versiegelter Platz, der lediglich von einigen Besuchenden des Kiosks genutzt wurde. Dabei liegen ein Kindergarten und ein Seniorenheim in direkter Nähe. Durch das Engagement von Anwohnenden und den genannten Einrichtungen wurde der Platz grün und belebt. Die hierfür genutzten Flächen werden nachhaltig und umweltschonend bewirtschaftet. Auch die Wertschätzung der Erträge spielt eine große Rolle. Alternative und ökologische Konzepte der Landwirtschaft sind sehr präsent. Gerade die Permakultur ist hier zu nennen. In meiner alten Wohngemeinschaft haben wir nach permakulturellem Vorbild eine Kräuterspirale angelegt. Eine spiralförmige, sich nach oben hin windende Schnecke quasi. Gefüllt wird das Ganze mit verschiedenen Schichten und Mischungen von Erde, Sand, Kalk und Humus. Am Fuß wird ein kleiner Teich in den Boden gelassen, der durch ein Stück Jute oder Wurzelgeflecht mit der Erde verbunden ist. Es entsteht ein unabhängiges Ökosystem, in dem Pflanzen mit verschiedensten Ansprüchen ihren Platz finden. Es hat Spaß gemacht die Spirale zu bauen und es ist ein tolles Beispiel für Permakultur und alternativen Gartenbau.

Was passiert in Bremen dazu?

Was das urbane Gärtnern betrifft, ist in Bremen eine Menge los. Daher sei bereits an dieser Stelle erwähnt, dass die folgenden Projekte nur Beispiele fĂĽr eine bunte Vielzahl urbaner Gartenaktivitäten in Bremen sind: 

Ein mehrfach erwähntes Beispiel ist die „Lucie“. Genauer: „Ab geht die Lucie“, der Gemeinschaftsgarten in der Neustadt auf dem Lucie-Flechtmann Platz. Dieser entstand durch das Engagement motivierter Anwohner*innen und wurde inzwischen von der Stadt entsiegelt.

http://ab-geht-die-lucie.blogspot.com/

Auf dem Dach der VHS ist viel los – denn dort wird „Rooftop Gardening“ betrieben, und das in ziemlich großem Stil. Dies wird als Basis für Kurse genutzt, beispielsweise zum Kochen aber auch um das Gärtnern selbst zu erlernen.

https://www.vhs-bremen.de/Live/VHS_Dachgarten_FS18.vhs

In der Überseestadt sowie am Industriehafen findet man die Gemüsewerft. Hierbei handelt es sich um einen Zweckbetrieb einer gemeinnützigen Gesellschaft für integrative Beschäftigung mbH. Menschen, die aufgrund von Erkrankungen oder Behinderungen nicht erwerbstätig sind oder sein können, können hier einer arbeitsmarktnahen Beschäftigung nachgehen und so soziale Teilhabe erfahren.

http://www.gib-bremen.info/urban_gardening_farming_gemuesewerft.php

In der Waller Feldmark findet sich ein 2300m² großes Areal, das nun als Kleingarten genutzt wird, von Menschen die Lust auf eigenen Gemüseanbau und interkulturelle Begegnungen haben, denn hier befindet sich der Internationale Garten Walle.

http://www.internationaler-garten-walle.de/garten.html

Auch in Tenever findet sich ein Projekt des städtischen Gartenbaus. Das Grabeland direkt hinter den Siedlungen bietet zahlreichen Bewohner*innen den Raum, sich in der Natur zu verwirklichen. Es gibt hierbei keine Rahmenbedingungen oder Regeln, abgesehen von Grundsätzen der Höflichkeit, sodass alle Teilnehmenden eigenverantwortlich auf ihren Parzellen arbeiten können.

https://anstiftung.de/urbane-gaerten?catid=0&id=84

Die Stadt listet hier [https://www.bremen.de/rss/17004] ergänzend diverse spannende Garten-Blogs und Projekte.

Wurde euer Interesse geweckt?

Vielleicht überkommt auch euch die Lust nun den Balkon zu begrünen, euch an einem Projekt zu beteiligen oder direkt eine eigene Parzelle zu bewirtschaften – ich bin auf jeden Fall motivierter denn je. Nachhaltigkeit und Unabhängigkeit von globalen Nahrungsmittelkonzernen sind reizvoll und es ist einfach schön draußen zu sein und zu sehen wie die eigene Arbeit buchstäblich Früchte trägt!

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